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Design, Bürokratie und Entstaltung

Die Technisierung unserer Zivilgesellschaft, die Entwicklung digitaler Handlungsräume [Digital Ecosystems] und die damit einhergehende Hochrüstung unserer Technikarsenale steht in einem nachweisbaren Zusammenhang mit der Systematisierung unserer Disziplin, ihrer Vision, ihrer Arbeitsweisen und Argumentations- und Systematisierungstechniken. Unter Hinweis auf erreichbare und messbare Vorteile durch den Einsatz digitaler Technologien stehen wesentliche gesellschaftliche Handlungsfelder und Soziotechniken wie das Geldwesen [Digital Banking], das Recht [Digital Law] oder die Demokratie an sich vor grossen Umbrüchen. Und es ist interessant zu sehen, wie die heute verfügbaren und euphorisierenden Reglementierungs- und Aufzeichnungssysteme zu bürokratischen Machtsystemen werden.

Für Max Weber war Bürokratie zunächst und u.a. die Bezeichnung für ein legales und rationales Herrschaftssystem, das auf verbindlichen Normen und Regeln aufbaut. Legal, weil hier die Mehrheit an die Rechtmässigkeit der gesetzten Ordnung glaubt. Umgesetzt wird diese Ordnung durch Verfahren der Rationalisierung, also die Überführung planlosen oder traditionellen Handelns in überlegtes, zweckorientiertes und kalkuliertes, also systematisch geplantes Handeln. Rationalisierung, Umbau und Systematisierung betrifft nach Weber ebenso Weltbilder und Glaubenssysteme wie Institutionen und schliesslich gar die individuelle Lebensführung.
Positiv verstanden fördert Bürokratie also Objektivität, Berechenbarkeit, Planbarkeit und Zuverlässigkeit unseres individuellen und kollektiven Handelns. Auf der anderen Seite erkennen wir Schemen einer Welt kontrollierender Regelsysteme und hochspezialisierter Fachleute, eine Welt, die mit Individualität nichts anfangen kann, eine Welt, in der alle ersetzbar sein werden, weil alles, was wir tun und vermögen aufgezeichnet, verschriftlicht oder in anderer Weise formalisiert wird [Software]. Nicht zufällig erkennen wir im Handlungsfeld des Design das Bestreben vieler Akteure, das eigene Tun abzusichern, bsp. mittels planmässiger Vorgehensweisen den Anspruch der Wissenschaftlichkeit diskursiv zu etablieren. Hier geht es um Anerkennung im Glaubenssystem der Wissenschaften sowie den Nachweis wirtschaftlicher Vorteile durch die Anwendung effizienter, methodischer Vorgehensweisen.

Auf der Suche nach Methode, Systematik und Macht befinden wir uns damit automatisch unter Bürokratieverdacht und es stellt sich die Frage, wie wir als Gestalter mit den Begriffen von Freiheit und Individualität auf der einen Seite, und einer zunehmenden Reglementierung umgehen. Wie erleben wir diesen unauflösbaren Widerspruch und können wir ihn wirklich durch planendes Vorgehen und eine fortschreitende Technisierung ganzer Lebenswelten auflösen? Aus meiner Sicht ist die Technisierung einer fortlaufenden Prüfung zu unterziehen. Design wird zu einer Risikotechnologie.

Walter Benjamin sagte einmal “Sehertum ist Blick für werdende Gestaltung, Phantasie der Sinn für werdende Entstaltung“. Unser Blick kann also heute weiter reichen und wir dürfen fragen, wo wir wieder beginnen zu entknüpfen, wo wir Verbindungen kappen, wo wir nicht spielerisch sein wollen und an welchen Stellen wir Effizienz als Motiv ablehnen sollen.

Literatur

Luhmann, N. (1997). Recht und Automation in der öffentlichen Verwaltung eine verwaltungswissenschaftliche Untersuchung. Berlin, Duncker & Humblot.

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BürokratieDigitale HandlungsräumeFinancial EcosystemsPartizipation

Gerhard M. Buurman • 17. Februar 2010


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