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Meine neue 10-teilige Vorlesungsreihe ›Digital Transformation‹ ist online …

Ein Lehrstück ohne Lehre

Was uns in der heutigen Zeit zu interessieren hat, sind nicht die Ergebnisse von Veränderungsprozessen, es sind die Veränderungsprozesse selbst. Die ›Digitale Transformation‹ beschreibt nicht den Weg von einer stabilen, ehemals analogen Welt in eine stabile digitale Zukunft — auch wenn diese Suggestion sehr beliebt ist. Viel wichtiger als dieses Ziel erscheint die Geschwindigkeit der Veränderung. Stellen wir uns die Gegenwart in einem definierten zeitlichen Moment als eine bestimmte, exakt umrissene Situation vor. Diese Gegenwart erschiene uns in einer Art Ruhezustand. Auch in jedem anderen Moment können wir diesen Ruhezustand nachweisen. Wir könnten somit schlußfolgern, dass wir uns insgesamt in einem Ruhezustand befinden. Paradoxerweise aber leben wir in einer Welt der dauernden Veränderung, des Wandels und der Entwicklung. In Abwandlung der Heisenbergschen Unschärferelation könnten wir also sagen: Je genauer unsere gegenwärtige Situation bestimmt ist, desto unbestimmter ist ihre Veränderungsgeschwindigkeit. Und andersherum gilt: Je genauer unsere Veränderungsgeschwindigkeit bestimmt ist, desto unbestimmter ist unsere gegenwärtige Lebenswelt. Die Digitale Transformation erscheint uns so monströs, weil sie die Welt (und damit auch unsere Lebenswelt) als ein Modell von ETWAS darstellt. Dieses ETWAS haben wir uns als eine Art kybernetische ›Sozialmaschine‹ vorzustellen, die unsere individuellen Situationen nach ihren Geschwindigkeitsvorstellungen permanent verarbeitet, transcodiert und prozessiert. Die ›Entwicklung der Gesellschaft‹ wird mit der ›Technisierung der Gesellschaft‹ gleichgesetzt und damit die Digitalisierung zum zivilisatorischen Evolutionsschritt umgedeutet. Wir alle perfektionieren also einen zirkulären Veränderungszwang, bei dem jedes Ende gleichzeitig ein neuer Anfang ist.

Die negativen Implikationen der Digitalen Transformation spüren wir noch nicht deutlich genug, weil wir uns selbst noch zu sehr als Manipulateure gefallen. Und hier kommt Design ins Spiel, das in zahllosen ›schöpferischen‹ Akten Lösungen und dazu passende Probleme kartiert und damit die Transformation bewirtschaftet. Für Gestalter*innen werden die Widersprüche ihrer Disziplin erkennbar, sobald sie jenseits der schöpferischen Arbeit mit dem neuen Material auch ökonomische, ökologische oder soziale  Rationalitäten berücksichtigen sollen. Spätestens dann wird erkennbar, dass die Disziplin —  angesiedelt im argumentativen Niemandsland zwischen ›nachhaltiger Bewahrung‹ und ›disruptiver Veränderung‹ — ihre Argumente je nach Sachlage wählt und kombiniert. Mal sind es ökonomische (Stichwort: ›Kreativindustrie‹), mal ökologische (Stichwort: ›Eco Design‹), mal soziale Gründe (Stichwort: ›Social Design‹) die man nun in Anschlag bringt, um eine Idee zu vermarkten. Der Vernunftzusammenhang wird dabei verschleiert, denn vernünftig ist am Ende doch nur das, was ökonomisch rentiert. So organisieren Teile der Gesellschaft ihre dissonanten Empfindungen über die Frage nach dem richtigen Weg. Wenn die Technik uns keine Grenzen setzt, dann hilft sich der Mensch durch Änderung seines Verhaltens. Es geht in dieser Vorlesung nicht nur um die Stärken und Chancen der digitalen Transformation, es geht immer auch um die Schwächen und Bedrohungen, die vorstellbar und möglich sind und die durch Design sichtbar oder eben häufig auch unsichtbar gemacht werden. Die Vorlesung behandelt daher politische, kulturelle, wirtschaftliche und ästhetische Fragen der ›digitalen Transformation‹ in einer Art ›Gesamtschau‹. Im Mittelpunkt stehen immer wieder zwei Fragen:

Kann die Welt das Modell von ETWAS sein?
Wo wollen wir die Grenzen der Verfügbarkeit ziehen?

1 Einführung
2 Systeme Denken
3 Infrastrukturen, Netzwerk, Raum
4 Interactivity
5 Generative Art
6 Analyse und Synthese
7 Synthese und Problemdesign
8 Feedback Machines
9 Arbeit am Mythos
10 Weltmodelle

What interests us today are not the results of change processes, it is the change processes themselves. Digital transformation’ does not describe the path from a stable, formerly analogue world to a stable digital future. Much more important than the goal of change is its speed. Let us imagine the present in a defined temporal moment as a certain, precisely defined situation. This present would appear to us in a kind of state of rest. We can also prove this state of rest in every other moment. We could thus conclude that we are in a state of rest as a whole. Paradoxically, however, we live in a world of constant change and development. In a modification of Heisenberg’s uncertainty relation we could say: The more precisely our present situation is determined, the more indeterminate is its speed of change. And vice versa, the more precisely our speed of change is determined, the more indeterminate our present situation is. Digital transformation seems so monstrous to us because it represents reality or the world as a model of ETWAS. We have to imagine this ETWAS as a world in which people and their societies will be integrated into a kind of global social machine. And so today we are experiencing the world as a trivial building set, made possible by a technology that processes, transcodes and processes our individual situations permanently and for a fee according to their imaginations of speed. Digital transformation therefore describes a control problem that mankind is moving towards.

As a result of this technology, we find ourselves in new cybernetic contexts in which ‘non-social things’ (Bruno Latour) play an equally important role. The development of society is equated with its mechanization, and digitalization is reinterpreted as a step in the evolution of mankind. The extremely curious and technology-enthusiastic ‘grandmasters’ of digitization are stylized into modern heroines (in fact, we are more likely to recognize here the radical individualists who are freeing themselves from their solidarity-based civic duties). The digital transformation thus implements structural mechanisms that expose us to a permanent compulsion to change. We don’t notice this because we still like ourselves too much as manipulators.

And this is where design comes into play, mapping solutions and matching problems in countless ‘creative’ acts and thus fostering transformation. For designers, the contradictions of their discipline become recognizable as soon as they are to take into account economic, ecological or social rationalities – beyond the creative work. At the latest then it becomes apparent that the discipline – located in the argumentative no-man’s-land between ‘sustainable preservation’ and ‘disruptive change’ – chooses and combines its arguments according to the situation. Sometimes it’s economic (keyword: ‘creative industry’), sometimes ecological (keyword: ‘eco design’), sometimes social (keyword: ‘social design’) reasons that are now being attacked in order to market an idea. The rational context is obscured, because in the end only what is economically profitable is reasonable. Thus, parts of society organize their dissonant sensations by asking for the right way (see also: ‘Design impact assessment’). “The main thing is that something happens.

When we think about Digital Transformation, we have to think about the political framework in which all this happens. Only if we carefully distinguish between the staged space of possibility (technology as a promise) and the real space of reality (everyday life in technology) can we prevent our individual freedom from being put at risk (commodification) by the total trivialization of our reality of life. My lecture is not only about the strengths and opportunities of digital transformation, but also about the weaknesses and threats that are imaginable and possible and that are made visible or often invisible by design. The lecture therefore deals with political, cultural, economic and aesthetic questions of ‘digital transformation’ in a kind of ‘comprehensive overview’. The focus is always on two questions:

Can our world be the model of something?
Where do we set the boundaries?

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Hochschule Pforzheim

Gerhard M. Buurman • 30. Juni 2019


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