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Leonardo Express

Auf Einladung des Veranstalters (Christoph Weckerle, ZHdK) konnte ich am 15. und 16. Mai 2015 dem Workshop “Leonardo Express – On Digital Disruption and Higher Art Education in 2025” beiwohnen.

Aus der Ankündigung: “Our workshop on arts, the future of the arts, higher arts education and digital disruption will be a provocative two-days closed session built as a temporary cluster where knowledge will be generated and exchanges will be free. […] Our goals and expectations are to share this knowledge between ZHdK executives and academics, foreign guest speakers, media scholars, artists, web developers, policy makers and a few students involved in the workshop.”

Die von Frédéric Martel (ZHdK’s Research Fellow) organisierte Veranstaltung galt der Suche nach möglichen Brüchen und neuen Leitbildern für die Kunsthochschulausbildung des 21. Jahrhunderts. Angesichts der teilweise bereits hinter uns liegenden Entwicklungen und ihrer teils noch vor uns liegenden gesellschaftlichen Folgen war dieser Workshop eine willkommene Unterbrechung des Hochschulalltags, der beinah täglich schnelle Antworten auf äussere Veränderungen einfordert und es quasi unmöglich macht, nicht nur Getriebene(r) zu sein, sondern ein produktives Leben in Technik vorausschauend und proaktiv zu gestalten.

  • Matthew Fuller (Goldsmiths College, London) hat einen nachdenklichen Überblick über laufende Technisierungsprozesse gegeben, die die Institutionen, die Disziplinen und die Menschen beschäftigen. Mit seiner Auslegeordnung hat Fuller bereits zu Beginn dargelegt, dass wir über viele grosse Entwicklungen und noch mehr Details nachzudenken haben.
  • Mit dabei war Steven Henry Madoff, Herausgeber des Sammelbandes Art Schools, der in seinem Vortrag einen historischen Bogen spannte und die Geschichte der Kunsthochschulen nachzeichnete. Interessant waren seine politischen Gedanken zur notwendigen und möglichen Freiheit der Institution Kunsthochschule (sein Vortrag titelte mit dem Begriff ACCELERATE) sowie seine Gedankenskizzen zur ‘nomadischen’ oder ‘temporären’ Hochschule, die er mit Beispielen aus der Praxis belegen konnte.
  • Robert Lynch (President of Americans for the Arts, Washington) spricht für sehr viele Künstlerinnen und Künstler und hat in seinem Vortrag Strategien und Taktiken vorgestellt, wie er mit seiner Institution die Künste fördert und ins kollektive Bewusstsein aller AmerikanerInnen rückt. Angesichts der Summen der im Markt gehandelten Kunstwerke und der sich daraus automatisch ableitenden ökonomischen Bedeutung der Kunst für die Gesellschaft, stellten sich hier aus meiner Sicht weniger institutionelle Finanzierungsfragen als politische  Verteilungsfragen.
  • Renato Soldenhoff (eLearning, ZHdK) hat in seinem Vortrag über MOOCS neue Praktiken des Lehrens und Lernens vorgestellt und anschaulich gezeigt, welche Entwicklungen hier im Gange sind, welche Aufwände zu betreiben und welche Bedingungen zu erfüllen sind, um interaktive Lernumgebungen in den Lern- und Lehralltag der Hochschule sinnvoll zu implementieren.
  • Hierzu gab es noch zwei indirekte studentische Répliquen von David Simon und Thomas Schertenleib (beide ZHdK). In beiden Statements wurde deutlich, dass ein verteiltes (und auch nomadisches) Lernen möglich ist. Es war interessant, zu hören, dass diese Entwicklung für den Nachwuchs zwar teilweise problematisch, aber eben auch nicht mehr wegzudenken ist.
  • Klaas Bollhoefer (The unbelievable Machine Company, Berlin) hat das Berufsbild des Datenwissenschaftlers vorgestellt und erläutert, warum die Auseinandersetzung mit Daten und Algorithmen aus seiner Sicht so wichtig ist. Leider kam hier die Frage ein wenig zu kurz, welche spezifische Form von Auseinandersetzung Künstler und Designer hier favorisieren sollten oder könnten. Hier waren die kritischen Anmerkungen von Dieter Mersch (ZHdK) teils hilfreich.
  • Begrüssenswert war die Teilnahme der Studierenden, die dem Publikum ihre Ideen, Lösungsansätze und Reflexionen vorstellten. Nennen möchte ich hier Mona Neubauer mit ihrem Thema ‘Sustainable Design’ oder Christophe Kriese, der filmische Arbeiten zum Thema ‘Anonymität’ vorstelle.

Der Workshop war auch strategisch angelegt, waren doch die versammelten Fragen möglicherweise ein Indiz dafür, welche Antworten der Veranstalter auf die gestellte Frage geben will? Folgende Fragen blieben bei mir zurück:

  1. Können wir das System Kunsthochschule unvoreingenommen beforschen, wenn wir Teil des Systems sind?
  2. Ist das hier betrachtete technische Transaktionsuniversum zu einer Super-Institution geworden, in der alles, was einst geschieden war, unterschiedslos aufgeht?
  3. Können wir unsere Aufgaben an dieses System auslagern und geschieht dies nicht schon lange?
  4. Welche Rolle spielt die Vergangenheit, wenn die Veränderungen immer schneller kommen und wir immer weniger Zeit haben die Gegenwart zu verstehen und angemessen zu reagieren?
  5. Gibt es Wege, mit den Themen ‘Institution’, ‘Bürokratie’ künstlerisch umzugehen (Organizational Aesthetics)?
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BerufsbildKünstlerische ForschungWissenschaftsforschungZHdK

Gerhard M. Buurman • 16. Mai 2015


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