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Literarischer Modellbau als Entwurfsmethode

Was wäre, wenn …?

Im Frühsemester 2017 habe ich mit Studierenden der Fachrichtung Interaction Design ein kleines Experiment gemacht. Wir haben uns gefragt, ob die Entwicklung von Vorstellungen und Ideen auch in Form von Kurzgeschichten gelingen könnte. Warum sollten wir immer gleich Bilder und Anschauliches liefern? Kann man die Zukunft (oder auch die Gegenwart) nicht auch einfach mittels Sprache erfinden?

Spekulationen über eine andere Gegenwart oder Zukunft fordern unseren Möglichkeitssinn heraus. Robert Musil definierte den Möglichkeitssinn als die Fähigkeit, zu definieren, “[…] alles was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht weniger zu nehmen als das, was nicht ist.” Utopien (das europäische Märchen) und Fiktionen (das amerikanische Märchen) entstehen also, indem wir fragen, “Was wäre, wenn?”. Ideen  sind hier nicht an politische, kulturelle oder ökonomische Rahmenbedingungen gebunden. Sie beziehen ihre Kraft vielmehr aus der mangelnden Übereinstimmung mit diesen. Genau in dieser Differenz liegt ihre imaginative Wirkung zur Erfassung dessen, was wir als ‘Realität’ beschreiben. In meinem kleinen Experiment ging es nicht um die Vermittlung von utopischem oder fiktionalem Denken als einem weiteren zweckrationalen Entwurfsverfahren. Vielmehr ging es darum, das Fiktionale des Entwerfens selbst zu verstehen. Wenn wir künstlerisch, gestalterisch, ökonomisch oder technisch-wissenschaftlich vorgehen, ästhetisch oder logisch argumentieren, strategisch handeln, oder mit dem Zufall taktieren, um ‘Realität’ herzustellen, entsteht immer auch Fiktion. Das Experiment öffnete einen Raum für die bewusste Erprobung der eigenen Fähigkeit, die Welt von einer radikal anderen Beobachterposition aus zu beschreiben und zu erkennen, unter welchen Bedingungen es hilfreich sein könnte, so zu handeln, als ob sie real wäre.

Zur Einführung gab es eine kleine Utopie- und Fiktionstheorie am Beispiel ausgewählter Materialien und relevanter Quellenbestände aus den Bereichen Gesellschaftsutopie und Social Science Fiction. Dabei ging es vor allem um die Frage, wie Fiktionen unsere Wirklichkeitswahrnehmung und unser Wirklichkeitsbild beeinflussen können (Rezeptions- und Korrealitätsprinzip). Werkstattgespräche zwischen Wissenschaftlerinnen, Designerinnen und Künstlerinnen begleiten das Projekt und eröffnen den Teilnehmerinnen interessante Grenzgänge zwischen Realitäts- und Möglichkeitssinn.

Ein gelungenes Beispiel von Martin Dusek und Jannic Mascello, ZHdK
Blog zum Thema Science Fiction

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DesignmethodikLiterarischer Modellbau

Gerhard M. Buurman • 1. Juli 2017


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